November 2005 bis Januar 2006:

Herr Fridhelm Volk und Herr Ubbo Enninga

Herr Fridhelm Volk

„Strandland“

Von jeher haben Menschen die Begegnung mit dem Meer gesucht und als äußerst beeindruckend empfunden. Maler, Dichter, Musiker und Fotografen beschreiben, zitieren ja schwärmen von Meer, Strand, Wind und Wellen.

Die Trennlinie zwischen flüssig und fest, weich und hart in ihrer Veränderung der Gezeiten kann süchtig machen, süchtig nach Meer.

Die sinnliche Erfahrung von Wasser, Wellen, Sand, Felsen, Wind und Sturm waren der Impuls für die Fotoarbeit „Strandland“.

Die strenge Komposition, die Reduktion durch schwarz-weiß geben den Bildern die nachhaltige Kraft, die einen den Wind spüren lässt, das Meer riechen und die Wellen hören.

Jean Baudrillad: Mensch und Meer verändern sich, alles ist anders, und doch bleibt alles gleich.

Fridhelm Volk - Strandland
  • 13-9-1942: geboren in Königsberg/Ostpr.
  • 1960 -1964: Ausbildung und Assistenz bei Walter E. Lautenbacher Stuttgart
  • seit 1965: selbstständig als Freier Foto-Designer mit den Schwerpunkten: Mode, People, Reportage + freie Arbeiten
  • 1969: Gründungsmitglied des Bundes freischaffender Fotodesigner (BFF)
  • 1971: Aufnahme in den Verband Bildender Künstlerinnen und Künstler Baden – Württemberg (VBKW)
  • 1984: Berufenes Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Fotografie (DGPh)
  • 1981 – 2000: Lehrauftrag für Fotografie an der Fachhochschule für Gestaltung Würzburg
  • seit 1995: Arbeitsschwerpunkt: Reportage für Image-Broschüren, Food, People, Theater und vermehrt freie Arbeiten
  • seit 2001: Lehrauftrag an der Freien Kunstschule Stuttgart
  • 2002: Berufung in die Deutsche Fotografische Akademie e.V. (DFA)
  • 2003: Berufung in den Hohenloher Kunstverein
  • Ausstellungen im In- und Ausland. Öffentliche und private Ankäufe.

Fridhelm Volk, Gähkopf 3, 70192 Stuttgart, Tel: 0711-2573611

Herr Ubbo Enninga

Statische Bewegung und dynamische Ruhe / die verborgenen Kräfte des Erschaffens / und der Zerstörung zu offenbaren / sie zu leiten und auszugleichen / ohne dabei selbst Schaden zu nehmen / dies ist sein Tun / denn die Welt ist der Klang / des Schwertes des Chaos / auf dem Schilde der Ordnung / diesen ewigen Klang zu fassen / dies ist sein Ton

Enninga sieht den Menschen im Kosmos, den Kosmos im Menschen. Die immerwährende Suche auf dem Wege zur vollendeten Harmonie führt ins Chaos, aus welchem alle Welten erstehen. Vom Formgeber erschaffen, erweckt es der Betrachter zum Leben.

Liebe, Geborgenheit, Harmonie, Ursprung, Schaffen und Zerstörung: Woher komme ich, wohin gehe ich, wo kann ich Schutz finden? Wie finde ich den inneren Ausgleich zwischen Kopf und Leib? Welchen Weg gehen Geist und Körper? Spiegelt sich der Leib im Kopf, der Kopf im Leib, der Mensch im Menschen, das Werk im Betrachter? Was kann mich halten, was trägt mich, wo ist die Höhle meiner Geborgenheit, die Grundlage, die mir Stand ist, wenn ich ansetze zum Sprung ins Unbekannte, Unbegreifliche? H.B.

Ubbo Enninga - Oben-unten
Ubbo Enninga - Oben-unten

1955 geboren, 1975-83 Studium der Bildenden Künste, Kunstgeschichte, Geschichte und Biologie an den Hochschulen in Marburg, Kassel und Stuttgart, 1983-86 Lehrauftrag für Bronzeguß an der Kunstakademie Stuttgart, 1983 Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, 1985 Villa Romana, Florenz, 1991 Atelierstipendium Baden-Württemberg, 1992-93 Lehrauftrag für Zeichnen im Fachbereich Architektur an der Universität Stuttgart. Ausstellungen im In- und Ausland, Arbeiten in privaten und öffentlichen Sammlungen.

Lebt in Stuttgart und Berlin. 

Alexanderstraße 106, 70180 Stuttgart, Tel. 0711 - 23 60 789  

www.ubbo-enninga.de

 

Ubbo Enninga - Oben-unten

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde,

liebe Künstler und liebe Gastgeber,

 

zwei Künstler - zwei Techniken - zwei Positionen !

Der Fotograf Fridhelm Volk und der Bildhauer Ubbo Enninga stellen erstmals gemeinsam aus.

 

U b b o  E n n i n g a ist Bildhauer. Er zeigt heute eine Zusammenstellung von Bronzeplastiken, die bis vor wenigen Tagen so in der Städtischen Galerie in Speyer so zu sehen war. Im Mittelpunkt von Enningas Arbeiten steht die menschliche Figur. Dieser Bildband gibt einen umfassenden Einblick in sein bisheriges Schaffen.

Das vordere Deckblatt und die anschließende direkte Kinderfrage sollen den Einstieg bilden.

"Papa, warum haut der Ubbo der Elcylin einen Nagel in den Kopf ?"

Um das angemessen zu deuten, muss man etwas vom Arbeitsablauf verstehen.

 

Eine Bronzeplastik ist in der Regel dünnwandig und innen hohl. Und damit sie beim Gießen auch hohl bleibt, muss ein Gipskern verhindern, dass die Figur vollläuft. Damit dieser Gipskern aber auch seine Position im Innern nicht verändert, muss er fixiert werden. Das leisten die groben "Kernnägel" - das sind die Nägel, die den Kern halten. Kernnägel verweisen also auf den natürlichen Herstellungsprozess beim Bronzeguß. In der Regel werden sie auch später wieder entfernt. Nicht so bei Ubbo Enninga.

Auch die externen "Gußkanäle" sind bei ihm oft ebenfalls noch sichtbar - oder Teile davon. Über sie ist die glühend heiße Bronze in die hohlen Zwischenwandungen eingeschossen, die anfangs aus Wachs geformt waren. Einem externen Blutkreislaufsystem gleich, dringt beim Guss die Bronze von außen in die Figur ein und durchflutet die Bildhaueridee mit langsam erstarrendem Metall.

Das ganze Gußsystem mit seinen vielen Gängen ist in einem feuerfesten Chamotte-Gipsblock unsichtbar eingebettet. Die Inkarnation der Form findet also im Verborgenen statt. Erst, wenn man nach dem Erkalten anfängt den äußeren Gips abzuschlagen, wird die Figur zum eigentlichen Leben erweckt. Dieser Gips - weil er mitgeholfen hat - ist noch teilweise in den Arbeiten von Enninga präsent. Auch diese weißen Rückstände erinnern an den gesamten Entstehungsprozess. Darüber hinaus bringen sie die gestalterische Absicht weiter voran. Der Gips trägt eigenwillig dazu bei, Lichter zu setzen und die Tiefen aufzuhellen.

Von 1508-1512 malte Michelangelo die Fresken in der Sixtinischen Kapelle. An deren Decke finden wir das Motiv "Die Erschaffung des Adam". Mich hat schon früh fasziniert, wie hier Gottvater seinen energiegeladenen Zeigefinger ausstreckt - und einem Lichtbogen gleich - ohne wirkliche Berührung, den geformten Körper des Adam zum Leben erweckt. Wie durch einen Gußkanal schießt bei Michelangelo, über den göttlichen Arm, das Leben in die Form.

Im 1.Stock steht die Figur "Ergün". Hier sind die Versorgungskanäle in Ablösung begriffen. Sie entlassen die Figur in eine Selbstständigkeit. Das Geschöpf "Ergün" erhält ein Eigenleben, übernimmt die eigene Regie in eigener Verantwortung. Aber seine "Schnittstellen" verweisen auf seine Herkunft, sie sind deutlich markiert. Hier sogar vergoldet.

Hätten Ubbo Enningas Plastiken ein eigenes Bewusstsein, so könnten sie feststellen, dass ihre Wurzeln und Gusskanäle über sie hinausverweisen. Sie könnten feststellen, dass sie nicht aus dem Nichts kommen und dass es äußere "Einflüsse" gab, die sie geformt haben.

Der Bildhauer als Schöpfer. Im Bildhaueratelier kann das bestenfalls gelingen, wenn man es schafft, Tag für Tag, selbstvergessen, wie ein Medium, den Schöpfungsakt zu begleiten.

Für Ubbo Enninga spielt der Begriff der "Polaritäten" eine große Rolle. Er spricht auch oft von "Qualitäten".

Das Eine und ...das Andere. Wie aber, soll ich das Andere darstellen, wenn ich nur die Rolle des Einen einnehme ? und womöglich nur Verständnis für das Eine entwickle.

Polaritäten haben die Eigenheit, dass ich immer das Andere mitdenken muss, wenn ich das Eine anspreche. Schwarz - weiß, männlich - weiblich, warm - kalt, hell - dunkel. Wenn ich "innen" sage, muss ich "außen" mitdenken. Enningas Installation im Eingangsbereich trägt den Titel "oben - unten".

 

 

F r i d h e l m  V o l k ist Fotograf.

 Wenn es um seine künstlerische Arbeit geht, verzichtet er immer wieder auf Farbe. Das ist auch in seinem Bildband zu sehen, der 2001 herauskam und der in der Zeitschrift "ART" besonders aufmerksam besprochen wurde. In chronologischer Sicht beschreiben hier seine Bilder die Bildungsreise nach Italien, bis ganz hinunter nach Syrakus und zurück in einem weiten Bogen über Paris.

J.G.Seume hat 1801 seinen Fußweg in einem Tagebuch festgehalten - neun Monate lang - ganz präzise und detailliert. Dieser ausgeklügelte Weg war für alle Kunstsinnigen nördlich der Alpen ein Pilgerpfad zur Gesamtkunst Italiens.

Fridhelm Volk ist nach 200 Jahren der Fährte Seumes gefolgt und hat versucht, die optischen Eindrücke und damaligen Ansichten nachträglich einzufangen. Viele Fotoexkursionen zu verschiedensten Jahreszeiten waren dazu notwendig. Vieles von der Ursprünglichkeit von damals, war inzwischen verbaut und verschwunden. In einer Art archäologischer Spurensuche, fand er immer wieder größere und kleinere Scherben, die er in diesem Buch zu einer ganzen Zeitreise zusammenfügen konnte.

In Künzelsau zeigte Fridhelm Volk vor einem Jahr die schwarz-weiß-Fotoausstellung mit dem Titel "Wege". Hier waren keine bestimmten Wege sichtbar, wie bei Seumes Italienreise. Diese Wege waren offen, sozusagen "ziellos" und führten offenbar ins "Nichts". Der Betrachter wurde durch die strenge Zentralperspektive vom Bild angezogen und hineingesaugt, ähnlich den Sehnsuchtsmotiven der Romantik.

Seine heutige Ausstellung in diesen Räumen, folgt keinem linearen Gedanken, keinem Weg. Es scheint, als habe er mit diesen Arbeiten das Gewicht von der linken auf die rechte Gehirnhemisphäre verlegt.

Fridhelm Volk sagt dazu: "In diesen Bildern ist das Sinnliche ganz wichtig". Und es beeindruckt ihn, wenn es wahrgenommen wird. Er zitiert in diesem Zusammenhang eine Betrachterin vor eben diesen Bildern mit den Worten:" Das ist das erste Mal, dass ich vor einem Foto stehe und - das Meer rieche, und den Wind spüre, auf meiner Haut."

Fridhelm Volk schafft diese Intensität durch das Mittel der Reduktion. Im ersten Schritt reduziert er auf schwarz-weiß. Im zweiten Schritt folgt die strenge Auswahl des Bildausschnitts. Und hier entfällt der Kontext ganz. Das Meer pur, der Sand pur, die Weite pur !

Tauchen gelegentlich ein paar Menschen auf, verlieren sie sich schnell wieder in ihrer Winzigkeit. Sie verweisen damit gleichzeitig auf die übermächtige Natur. Die Natur groß und stark, ständig pulsierend. Die formenden Kräfte zum Einen und die flüchtig-geformten Zustände zum Andern. Natur... pur !

Ich wünsche Ihnen auf Ihrer Entdeckungsreise durch diese Ausstellung viele interessante Anregungen und viel sinnliche Erfahrungen.

 

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

 

"Ubbo Enninga und Fridhelm Volk",  

Einführende Worte von Wolfgang Kienle, 

Zahnarztpraxis Dres. Wild, Hitzler, Klenk & Partner, Stuttgart, 19.11.05