Eugen Roth

 

Zahnweh

 

Bescheiden fängt ein alter Zahn,

der lange schwieg, zu reden an.

Entschlossen, nicht auf ihn zu hören,

tun wir, als würd uns das nicht stören.

Der unverschämte Zahn jedoch

erklärt, er hab bestimmt ein Loch,

und schließlich meint er, ziemlich deutlich,

dass ihm nicht wohl sei, wurzelhäutlich.

Wir reden dreist ihm ins Gewissen:

"Wenn du nicht schweigst, wirst du gerissen!"

Doch wie? Der Lümmel lacht dazu:

"Das fücht ich lang nicht so wie du!"

Wir suchen mild ihn zu versöhnen:

"Ließ ich nicht golden dich bekrönen?

Schau, haben nicht wir beiden Alten

zusammen jetzt so lang gehalten?

So manchen guten Biss geteilt?"

Es ist umsonst, er bohrt und feilt

und sieht nicht ein, wie es verwerflich,

uns völlig zu zersägen, nervlich,

Wir werden stark! (In Wahrheit: schwach!)

Am nächsten Morgen kommt’s zum Krach.

Der Zahn wehrt sich mit Löwenmut;

doch übersteht er’s schließlich gut.

Uns aber bangt schon - Zahn um Zahn -

Bald kommt vielleicht der nächste dran!

 

 

Beim Zahnarzt

 

Nicht immer sind bequeme Stühle

ein Ruheplatz für die Gefühle.

Wir säßen lieber in den Nesseln,

als in den wohlbekannten Sesseln,

vor denen - sauber und vernickelt -

der Zahnarzt seine Kunst entwickelt.

Er lächelt ganz empörend herzlos

und sagt, es sei fast beinah schmerzlos.

Doch leider, unterhalb der Plombe,

stößt er auf eine Katakombe,

die, wie er mit dem Häkchen spürt

in unbekannte Tiefen führt.

Behaglich schnurrend mit dem Rädchen

dringt vor er bis zum Nervenfädchen.

Nun zeige, Mensch, den Seelenadel!

Der Zahnarzt prüft die feine Nadel,

mit der er alsbald dir beweist,

dass du voll Schmerz im Innern seist.

Du aber hast ihm zu beweisen,

dass du im Ãußern fest wie Eisen.

Nachdem ihr dieses euch bewiesen,

geht er daran, den Zahn zu schließen,

Hat er sein Werk mit Gold bekrönt,

sind mit der Welt wir neu versöhnt

und zeigen (noch im Aug' die Träne)

ihr furchtlos wiederum die Zähne,

die wir (ein Prahlhans, wer's verschweigt)

dem Zahnarzt zitternd nur gezeigt.