Tucholsky

Kurt Tucholsky

Die Ortskrankenkasse



Ich komme in eine fremde Stadt
- Kasolz oder Ober-Crammin -
und nehme im Hotel ein Bad,
dann tu ich den Mantel anziehn
und gehe durch einen fremden Ort
an Läden und Kirchen vorbei
und gucke hier und da und dort
und seh eine Metzgerei,
das Postamt ... eine Bilderschau ...
und immer, in jeder Stadt,
steht ein großer, prächtiger, neuer Bau,
den man gerade errichtet hat.

Und dann frag ich. Und in jeder Stadt,
die einen turnenden Schutzmann hat,
sagt er auf, wie das brave Kind in der Klasse:
"Das? ist die neue Ortskrankenkasse".

So ein großes Haus ...! Sieh mal einer an ...!
Ein riesiger Kasten. Ja, wer so kann:
Das tut jede Verwaltung, die auf sich hält;
die Herren haben ja wohl sehr viel Geld.

Wenn zwei Deutsche im Hof
nämlich Holz zerspalten,
stehn drei andere herum,
die das verwalten.

Und ich seh an dem feuchten Neubau hinauf,
und dies steigt vor meinem Auge auf:
Korridore mit vielen Türen,
die alle in kleine Bürozimmer führen.
In den Zimmern ist nichts besonderes los ...
Und es gibt zweierlei Sorten von Büros:
Solche, in denen die Buchhaltungsfritzen,
die gewöhnlichen Schreiber sitzen,
die bebrüten Akten und führen Listen.
Das sind die gemeinen Papier-lnfanteristen.
Kino, Kollegenklatsch, etwas Sport...
wie schnell das Klassenbewußtsein verdorrt.
Für eine Handlungsvollmacht, für einen Posten
tun sie alles, wobei sie die Chefs nichts kosten.

Und es haben die Mädels in den Buchhalterei'n einen Wunsch:

Hier raus und geheiratet sein!

Und alle schreiben
und schreiben
und schreiben
und müssen ewig hinter Pulten bleiben.
Die schuften ihr ganzes Dasein vergebens.

Doch in den anderen Büros
hockt dick und groß
das Ideal des Wirtschaftslebens:

Da sitzt der Mann an seiner Arbeitsstatt,
der ein Sekretariat und ein Vorzimmer hat,
(über jenen, die an ihren Arbeitsstätten
gern ein Sekretariat und ein Vorzimmer hätten).
Hier wird der Deutsche erst richtig heiter:
kein Mensch mehr - nur noch Abteilungsleiter.
Hier regiert er und wirkt und macht und tut ...
Das Telefon klirrt, die Gehirntätigkeit ruht -
denn zwischen Arbeiten und Promenieren
gibt's noch ein Drittes: Organisieren.

Hier steigen auf die kolossalen
Ressort-Stunks und die Büro-Kabalen
zwischen wildgewordenen Angestellten,
denn jeder will mehr als der andere gelten.
Hier sagt eine Lokomotive Holz,
mit dem sie geheizt wird.

Und wieviel Stolz,
wie viel Eitelkeit steckt in diesen Puppen!
Sie meinen sich und sie sprechen von Gruppen,
von Verbandsinteressen
und Gemeinschaftsideen
und können nicht bis zur Türe sehen.
.
Hör zu mein Kind:
Diese Leute sind
in geschäftiger Faulheit und wackrer Routine
der Leerlauf der deutschen
Verwaltungsmaschine.

Es ist ein schwerer Krankheitsfall.
Und das ist über-, überall:
Ob Ortskrankenkasse, ob Filzfabrik,
ob Finanzamt, ob Hochschule für Musik;
ob Stadttheater, ob Magazin,
ob Eisenhütte oder Farbindustrien:

Stets sitzt auf jedem Unternehmen
- neben jenen, die anderen das Brot wegnehmen
ein Ballon der Verwaltung, dick und breit
eine Allegorie der Nutzlosigkeit.

Denn dieser ganze Verwaltungstrara
ist nur um seiner selbst willen da.
Sie glauben, daß sie in USA sind,
und haben vergessen, wozu sie da sind.

'Kranke Proleten und deren Interessen ...?
Vor lauter Verwaltung total vergessen.
Noch eine neue Kartothek,
noch eine Quittung und noch ein Beleg -
Ingenieure? ein Kumpel? ein Prolet?
Ein Kerl, der an seinem Schraubstock steht?
Muß sein. Das ist ja alles ganz richtig.
Aber wichtig?

Verwaltung ist wichtig.

Für die ist Geld da. Für die die neuen Kästen, die wie die Festungen dräuen.
Forts des Leerlaufs und der Papiere.
Drinnen Juristen ... alte Offiziere ....
Steh am Schraubstock du Ochse
- laß deine Maschinen
laufen, du Tor - du wirst nichts verdienen.
Verdienen tut der, der verwalten kann:
der ist für die Wirtschaft der richtige Mann.
Und so vegetieren die betrogenen Massen
als Zwangsabonnenten
von Ortskrankenkassen.



Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke, Band 8 (geschrieben 1930!)