November 2007 bis März 2008:

Frau Christine Dietrich

Das Thema der fotografischen Arbeiten und Zeichnungen ist – vereinfacht formuliert – „Wasser“. Die Fotografien zeigen dabei den Blick auf die Wasser-Landschaft. Die Zeichnungen bilden ab, was sich unter der Wasseroberfläche verbirgt.

Die fotografischen Arbeiten sind in das Konzept der Unschärfe eingebettet mit der Absicht, die malerischen Potentiale des Mediums Fotografie auszuschöpfen. Jedoch spielt auch eine andere Dimension der Unschärfe eine ebenso bedeutsame Rolle, nämlich die der Undeutlichkeit bzw. die Dimension des Vagen.

Dabei handelt es sich hier aber nicht um das bloß Unklare oder gar Unverständliche. Denn "nicht das Undeutliche an sich" ist, wie ADORNO sagt, dem Kunstwerk eigen, sondern die "negierte Deutlichkeit". Während das "Undeutliche an sich" quasi passiv und unkontrolliert in den Bildzusammenhang einfließt, meint negierte Deutlichkeit einen aktiven Prozeß, der die Präsenz der Formen im Bild intentional qualitativ verändert: Die Formen werden nicht einfach unklar sondern "ent- deutlicht"!

In den Fotografien ist zu erahnen, ja man weiß, was thematisch gestaltet wird, aber dieses Wissen wird sogleich konterkariert und in Frage gestellt durch die bewußte Negation seiner formalen Fassung, seiner formalen Erscheinung. Wir werden in den fotografischen Arbeiten also mit zwei scheinbar unvereinbaren Reizen konfrontiert: dem Wissen um die Thematik und der Aufhebung ihrer formalen Präzisierung.

Durch die Prozesse der Konturverwischung, der Formauflösung, der Verschleierung von Zusammenhängen, der Evaporierung des Gegenständlichen wird aber erst das eigentliche Bildthema sichtbar. Oder wie ADORNO in anderem Kontext feststellte: "Bilder verlieren sich, um sich zu finden."

In den Zeichnungen wird auf die Oberfläche des Bildes gebracht, was üblicherweise unter der Wasseroberfläche verschleiert bleibt. Die Zeichnungen sind klar in ihren Umrissen und Schärfe. Hier wandelt sich das Unscharfe ins Scharfe, das Vage ins Präzise und das Allusive ins Bestimmte. In der analytischen Funktion der Zeichnung entfaltet sich die Macht der Linie: sie legt die Konturen der Form fest und definiert sie dadurch – und zwar mit unumstößlicher Gewißheit. Wir sehen, was wir sehen und nicht, was wir glauben zu sehen.

Die Zeichnungen zeigen mit Präzision, was üblicherweise unpräzise ist. Sie decken auf, was verschleiert und verborgen ist. Sie machen das Unsichtbare sichtbar. Sie erklären. Die Fotografien hingegen machen das Sichtbare unsichtbar. Sie verführen. In den Zeichnungen manifestiert sich ästhetische Vernunft, in den Fotos ästhetisches Empfinden.

Der Text basiert auf Auszügen der Rede von Rolf Viva zur Eröffnung der Ausstellung am 3. November 2007.

Christine Dietrich:

- Geboren in Konstanz

- Architekturstudium, Diplom 1993

- Künstlerische Weiterbildung in Fotografie und Malerei an der Europäischen Kunstakademie Trier und der Sommerakademie Salzburg

Kontakt:

0711 / 2369312,

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www.christine-dietrich.eu