Februar 2007 bis Juni 07

Herr Bruno Witzky

Bruno Witzky, 1942 in Stuttgart-Weilimdorf geboren, ist freiberuflich tätiger Kartograf und Bildhauer. Er besuchte an der grafischen Fachschule in Stuttgart Abendkurse in Akt- und gegenständlichem Zeichnen bei HAP Grieshaber und Herrn von Stockhausen. Danach lebte er einige Jahre in Schweden, wo er sich neben seiner Berufstätigkeit mit abstrakter Kunst und Keramik beschäftigte.

Nach seiner Rückkehr nahm er am Berufskolleg für angewandte Grafik in Fellbach an Kursen in Porträt-Aktzeichnen, Malen und Airbrush teil. Heute lebt und arbeitet er in Stuttgart-Weilimdorf.

Ein wesentlicher Aspekt des plastischen Werkens von Bruno Witzky ist die Verschiedenartigkeit der stilistischen Umsetzungen. So wechseln sich gegenständliche Plastiken mit stilisierten und abstrakten Objekten ab. Meist steht die Figur, der Mensch im Mittelpunkt seiner Arbeiten, doch entstehen auch formal reduzierte Tierfiguren.

Die Vielseitigkeit im Ausdruck geht Hand in Hand mit seiner Vielseitigkeit im Material. Das heißt, er arbeitet mit unterschiedlichen Gussmaterialien wie Bronze, Harz und Alabastergips sowie mit verschiedenen Metallen und Holz.

So lebt das Werk von Bruno Witzky von Gegensätzen. Neben gegenständlichen, eher mit rauher Oberfläche belassenen Plastiken entstehen formal reduzierte Arbeiten mit geglätteter Oberfläche. Gleichzeitig finden sich formal noch stärker aufgelöste Skulpturen aus Metall, welche eigentlich nur bewegte Linien und Flächen im Raum sind.

Inhaltlich geht es Bruno Witzky um den Menschen, um die Darstellung von menschlichen Gefühlen, von Stärken und Schwächen - im Positiven, wie im Negativen. Die Musik und der Rhythmus, der Tanz und Körper in Bewegung interessieren und faszinieren ihn.

Dr. Christine Breig, Kunsthistorikerin

Vernissage für Bruno Witzky am 27.Januar 2007 im Charlottenhochhaus

Sehr verehrter Herr Witzky, liebe Frau Witzky, sehr geehrte Damen und Herren Doktoren Hitzler, Sack, Wild und Klenk, meine Damen und Herren Kunstfreundinnen und Kunstfreunde!

Machen wir einen Rundgang durch die Kunstlandschaft, die Bruno Witzky hier im Charlottenhochhaus für die Zahnarztpraxis gestaltet hat.

Beim Durchgang hier unten und nachher oben im zweiten Stock fällt uns auf, dass der Künstler viele Techniken beherrscht: Skulpturen, große und kleine aus Holz geschnitzt, aus Bronze gegossen, aus Sägmehl geleimt.

Er malt Bilder in Acryl, in Druckfarben, seine Spezialität, mit Stoff gedruckt, mit der Spachtel aufgebracht. Er beherrscht viele Techniken, manche hat er selbst erfunden. Er experimentiert mit viel Phantasie auf vielfache Weise.

Er bleibt nicht bei dem einmal Gefundenen, er wiederholt nicht seine Lieblingsmotive wieder und wieder.

Er setzt immer wieder neu an, versucht das, was sein Künstlerauge sieht, in neuer Form, mit neuer Technik zu gestalten.

Beginnen wir mit der großen Doppel-Plastik am Eingang, genannt: Türschließer und Türhalter. Das Holz hat er aus seinem Urlaubsort in Südtirol herbeigeschafft, es stammt von einer Almhütte aus 2000 Meter Höhe. Dort hat es jahrzehntelang als Zarge für eine Almtür gedient bis der Künstler es, mit seinem Blick für das Besondere, entdeckt hat. Der Blick sagt: „Daraus könnte man doch etwas machen“ und er hat tatsächlich dieses Stück Lärchenholz in ein Kunst-Stück verwandelt.

Ein Stück Holz in der Funktion eines Türbalkens bekommt unter der Hand des Künstlers einen Körper, ein Gesicht und beginnt zu sprechen, zu erzählen aus seinem früheren Leben wie in den Märchen der Brüder Grimm nicht nur die Tiere und die Pflanzen sprechen, sondern auch ein Strohhalm oder ein Stück Kohle Nicht von ungefähr kommt ja das geflügelte Wort, wenn uns etwas besonders beeindruckt: „Das sagt mir etwas.“ In der Tat: Ein echtes Kunstwerk sagt uns etwas.

Ein Stück Holz hat sich durch die Phantasie des Künstlers in ein lebendiges Wesen verwandelt, das nun mit dem Betrachter spricht.

Ein zweites Beispiel des Verwandlungskünstlers ist hier die Plastik mit dem Titel „Paar.“ Auf der Einladung links. Eine Frau und ein Mann einander zugewandt in offenbar lebhaftem Gespräch, gleich groß, gleich berechtigt, auf Augenhöhe, wie man heute sagt, wie sich das gehört zwischen Mann und Frau im Zeitalter des gender mainstream. Sie sind aus gleichem Holz geschnitzt, sie waren nämlich früher einmal Stuhllehnen und haben sich jetzt in ein Kunstwerk verwandelt, ein Paar, das sich etwas zu sagen hat und das auch dem Betrachter etwas sagt. Der Meister hat ihnen ein zweites Leben geschenkt.

Man darf diese Holzfiguren auch berühren, die Struktur des Holzes erfühlen, wir haben ja fünf Sinne, nicht nur einen. Am liebsten ist es dem Künstler freilich, wenn wir das vor dem Vespern machen, wenn unsere Hände noch nicht fettig sind.

Machen wir weiter mit der Holzplastik „Tanz“ hier auf dem Tresen. Aus Zwetschgenholz geschnitzt. Dem sperrigen Material entlockt Bruno Witzky die anmutige Bewegung der Tanzenden, die Heiterkeit des Kunstwerks der Materie abgetrotzt. „Das Leichte ist das Schwerste“ sagt Dürrenmatt, das gilt für die Literatur, die Komödie zum Beispiel wie für die bildende Kunst, besonders die Plastik. Ja, das leicht Daherkommende ist das Schwerste.

Und noch etwas scheinbar Leichtes, „beschwingt“ nennt der Künstler dieses Bild in Druckfarbe auf der Einladung in der Mitte platziert, reiner Ausdruck der Lebensfreude.

Mir ist beim Anschauen spontan ein schwäbisches Gedicht von Sebastian Blau eingefallen:

„Juchzga möchte, schreia möchte, d`Leut mit Bretzata keia möchte,
Mit em Huet en d`Luft nuf baala, älle Wiesaroi rawaala,Schuira purzla, d`Stearn raschla,Morom des kone dr selber net sa.“

Ja, es gibt auch in der schwäbischen Seele das Leichte, Beschwingte, sogar Exstatische. Man muss es nur entdecken.

Gehen wir ins Wartezimmer:

    • “Theater“ Nicht das Alte Schauspielhaus sehe ich darin, sondern eine große Szene im Leben: “Mach doch koi Theater!“ Doch, er macht Theater, geht, verlässt die drei Freunde, mit denen er ein Herz und eine Seele gewesen ist, er fällt aus dem Rahmen, macht aus dem Quartett ein Trio, wirft dabei einen langen Schatten, seine Vergangenheit, flieht aus dem plakativen Rot ins ungewisse Blau. Die drei werfen keinen Schatten, sie sind ihm zu leicht geworden, mene, mene tekel, gewogen und zu leicht befunden. Er muss sie verlassen, ohne Blick zurück, weder im Zorn noch mit Bedauern. Die Trennung muss sein, damit er weiterkommt, ein Vor-Bild fürs Leben, das uns sagt: „Mach ruhig einmal Theater“!

      Viele Werke des Meisters haben keinen Titel, Sie werden das oben sehen. Das heißt, der Künstler fordert den Betrachter auf, seinen Werken selbst einen Namen zu geben. Wie der liebe Gott in der Schöpfungsgeschichte die Tiere zum Menschen bringt und sagt: “So wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so solle es heißen.“ Wir dürfen mitwirken am Werk des Künstlers indem wir das benennen, was es uns, den Betrachtern sagt. So können wir uns das Kunstwerk aneignen, uns wörtlich ein Bild von ihm machen.

    • Einer läuft quer, einer schwimmt gegen den Strom, einer zeigt Zivilcourage. Solche Leute braucht unsere Gesellschaft. Aktuell könnten wir das Bild nennen: Frau Pauli und der CSU-Vorstand oder etwas ernsthafter: Der Künstler und das Publikum.
    • Dame in Blau Die Dame will ein Spiel mit dem Betrachter beginnen, ein bisschen kokett, aber ganz verhüllt. Ihr Blick sagt: Schau, ich bin ein Stück zur Seite gerückt, neben mir wäre noch Platz, wenn du dich da hinstellen würdest. wären wir zwei, könnten wir vielleicht ein Paar werden. Aber Vorsicht ! Ich bin blau! Es liegt alles noch im Ungewissen: willst du dein Herz mir schenken, so fang es heimlich an! Vielleicht wird ja etwas daraus. Wie du an meinem Kleid siehst, bin ich etwas altmodisch. Ich will mit dir nicht im Internet chatten, sondern dir live begegnen. Ich bin bereit für das Spiel der Liebe, aber auch für seinen Ernst. Wenn du dich auf mich einlässt, lasse ich dich ein, aber vergiß nicht: Blau ist die Farbe der Treue!

Gehen wir nach oben, dann sehen wir die Figur „Knieend“ aus Multiplexholz. Auf der Einladung rechts. Ziemlich abstrakt. Das Abstrakte ist die Darstellungsform des gereiften Künstlers. Abstrakt heißt: Alles Überflüssige weglassen. Klassisch ist eine Kunstform ja nicht dann, wenn man nichts mehr dazutun, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann. Die Abstraktion ist die Reduktion auf das Wesentliche. Abstraktion ist auch eine Stufe im Reifeprozess des älter werdenden Menschen, denn wenn wir älter und reifer werden, verzichten wir ganz von selbst auf Vieles: den Lärm der Welt, das unnötige Drumherum, den Ehrgeiz, weil wir jetzt endlich wissen, was wir wert sind, egal ob die anderen das bemerken oder nicht. „Der gute Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Wertes wohl bewusst“, Goethe natürlich.. In der Abstraktion zeigt sich das Bild des zu sich selbst gekommenen Menschen. Das Ziel ist, dass wir am Ende ganz wir selber werden, nach dem Wort des Olympiers „Werde, der du bist.!“ Streife ab, was nicht zu dir gehört, was man dir nur anerzogen, aufgezwungen hat.

Wenn wir nachher nach oben fahren, sehen wir noch viele schöne Bilder und Plastiken, über die noch viel zu sagen wäre, das dürfen aber Sie selber tun. Ein Kunstwerk muß man oft betrachten, in verschiedenem Licht, wenn es dunkel ist und wenn die Sonne scheint, in verschiedener Stimmung, wenn man froh ist und wenn man Trübsal bläst. Es sagt uns immer etwas anderes, aber immer das Richtige.

Auf eine Plastik möchte ich Sie noch aufmerksam machen, sie steht rechts hinten, in südwestlicher Richtung, glaube ich. Ein Holunderstamm, vom Künstler im Wald von Weilimdorf entdeckt und mit Erlaubnis des Försters geborgen. Er möge uns zum Vorwand dienen, etwas über Natur und Kunst zusagen.

Bruno Witzky hat ein Wort dazu erfunden: “Naturkunst. “ Ein Holunderstamm, ziemlich umfänglich, ausgehöhlt und lackiert. Was ist Kunst an diesem Stück Natur ?

Natur und Kunst. Schon Goethe hat sich ausgiebig damit beschäftigt und ein eigenes Gedicht dazu verfasst: „Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen und haben sich, eh man es denkt gefunden.“

Natur ist nicht Kunst, aber sie wird dazu durch die Phantasie des Künstlers, der sie so arrangiert, dass sie uns mit ganz neuem Gesicht begegnet und uns zu dem Ausruf verleitet: Wie kunstvoll dieser Holunderstamm ! Ein minimaler Eingriff des Künstlers, das Ergebnis: ein faszinierendes Phänomen, das uns die Natur in verfremdeter Form zeigt und uns so zur Auseinandersetzung mit dem Thema „Natur und Kunst“ auffordert. Noch einmal Johann Wolfgang dazu: “Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen und wenn wir erst in abgemeßnen Stunden mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden, mag frei Natur im Herzen wiederglühn.“

Der Künstler bildet das Leben nicht nur ab, er schafft selber neues Leben.

Wenn wir nach unserem Kunstrundgang von hier ins alltägliche Leben hinausgehen, müssen wir nicht unbedingt sagen: Ja, so ist es: Die Liebe, die Freundschaft, die Natur, der Schmerz und die Lust, das Leben halt. Ich habe es schon immer gewusst. Es könnte ja sein, daß wir entdecken: Manches ist doch ganz anders als ich es seither gesehen habe. Der Künstler hat mir die Augen aufgetan, ich will in Zukunft ein bisschen genauer hinsehen, ein wenig mehr Neues entdecken und entsprechend anders leben.

Der Künstler ist seiner Zeit voraus. Er läuft quer, er schwimmt gegen den Strom wie der auf dem Bild im Wartezimmer. Deshalb ist er meist einsam und muss oft lange auf Anerkennung warten. Aber er lebt intensiver und wirklicher, näher am wahren Leben als die, die sich von der Woge des Zeitgeschmacks tragen lassen. Es lohnt sich, mit der Kunst zu leben, ein paar echte Kunstwerke in seinen vier Wänden zu haben. Kunst bildet unseren Lebensstil. Als Student habe ich ein paar Kunstdrucke in meiner Bude gehabt. Mehr war nicht möglich in den 50- ger Jahren. Heute habe ich viele Originale an meinen Wänden hängen. Das erhöht das Lebensgefühl, ordnet den Lebensrhythmus, spornt an und tröstet.

Ich schließe deshalb mit der Empfehlung, die ich immer gebe am Ende einer Vernissage: Über legen Sie sich, ob Sie nicht ein Bild, eine Plastik des heute gezeigten Künstlers erwerben wollen. Man gönnt sich ja sonst nichts als Schwabe und es lohnt sich allemal, sich ein Bild von der Kunst zu machen, man kann dadurch so ganz allmählich zum Lebenskünstler werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld.
Siegfried Bassler