November 2005 bis Januar 2006:

Herr Ubbo Enninga

Statische Bewegung und dynamische Ruhe / die verborgenen Kräfte des Erschaffens / und der Zerstörung zu offenbaren / sie zu leiten und auszugleichen / ohne dabei selbst Schaden zu nehmen / dies ist sein Tun / denn die Welt ist der Klang / des Schwertes des Chaos / auf dem Schilde der Ordnung / diesen ewigen Klang zu fassen / dies ist sein Ton

Enninga sieht den Menschen im Kosmos, den Kosmos im Menschen. Die immerwährende Suche auf dem Wege zur vollendeten Harmonie führt ins Chaos, aus welchem alle Welten erstehen. Vom Formgeber erschaffen, erweckt es der Betrachter zum Leben.

Liebe, Geborgenheit, Harmonie, Ursprung, Schaffen und Zerstörung: Woher komme ich, wohin gehe ich, wo kann ich Schutz finden? Wie finde ich den inneren Ausgleich zwischen Kopf und Leib? Welchen Weg gehen Geist und Körper? Spiegelt sich der Leib im Kopf, der Kopf im Leib, der Mensch im Menschen, das Werk im Betrachter? Was kann mich halten, was trägt mich, wo ist die Höhle meiner Geborgenheit, die Grundlage, die mir Stand ist, wenn ich ansetze zum Sprung ins Unbekannte, Unbegreifliche? H.B.

1955 geboren, 1975-83 Studium der Bildenden Künste, Kunstgeschichte, Geschichte und Biologie an den Hochschulen in Marburg, Kassel und Stuttgart, 1983-86 Lehrauftrag für Bronzeguß an der Kunstakademie Stuttgart, 1983 Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, 1985 Villa Romana, Florenz, 1991 Atelierstipendium Baden-Württemberg, 1992-93 Lehrauftrag für Zeichnen im Fachbereich Architektur an der Universität Stuttgart. Ausstellungen im In- und Ausland, Arbeiten in privaten und öffentlichen Sammlungen.

Lebt in Stuttgart und Berlin.

Alexanderstraße 106, 70180 Stuttgart,

0711 - 23 60 789
www.ubbo-enninga.de

Einführende Worte von Wolfgang Kienle zur Vernissage in der Zahnarztpraxis Dres. Wild, Hitzler, Klenk & Partner, Stuttgart, 19.11.05

U b b o E n n i n g a ist Bildhauer. Er zeigt heute eine Zusammenstellung von Bronzeplastiken, die bis vor wenigen Tagen so in der Städtischen Galerie in Speyer so zu sehen war. Im Mittelpunkt von Enningas Arbeiten steht die menschliche Figur. Dieser Bildband gibt einen umfassenden Einblick in sein bisheriges Schaffen.

Das vordere Deckblatt und die anschließende direkte Kinderfrage sollen den Einstieg bilden.

"Papa, warum haut der Ubbo der Elcylin einen Nagel in den Kopf ?"

Um das angemessen zu deuten, muss man etwas vom Arbeitsablauf verstehen.

Eine Bronzeplastik ist in der Regel dünnwandig und innen hohl. Und damit sie beim Gießen auch hohl bleibt, muss ein Gipskern verhindern, dass die Figur vollläuft. Damit dieser Gipskern aber auch seine Position im Innern nicht verändert, muss er fixiert werden. Das leisten die groben "Kernnägel" - das sind die Nägel, die den Kern halten. Kernnägel verweisen also auf den natürlichen Herstellungsprozess beim Bronzeguß. In der Regel werden sie auch später wieder entfernt. Nicht so bei Ubbo Enninga.

Auch die externen "Gußkanäle" sind bei ihm oft ebenfalls noch sichtbar - oder Teile davon. Über sie ist die glühend heiße Bronze in die hohlen Zwischenwandungen eingeschossen, die anfangs aus Wachs geformt waren. Einem externen Blutkreislaufsystem gleich, dringt beim Guss die Bronze von außen in die Figur ein und durchflutet die Bildhaueridee mit langsam erstarrendem Metall.

Das ganze Gußsystem mit seinen vielen Gängen ist in einem feuerfesten Chamotte-Gipsblock unsichtbar eingebettet. Die Inkarnation der Form findet also im Verborgenen statt. Erst, wenn man nach dem Erkalten anfängt den äußeren Gips abzuschlagen, wird die Figur zum eigentlichen Leben erweckt. Dieser Gips - weil er mitgeholfen hat - ist noch teilweise in den Arbeiten von Enninga präsent. Auch diese weißen Rückstände erinnern an den gesamten Entstehungsprozess. Darüber hinaus bringen sie die gestalterische Absicht weiter voran. Der Gips trägt eigenwillig dazu bei, Lichter zu setzen und die Tiefen aufzuhellen.

Von 1508-1512 malte Michelangelo die Fresken in der Sixtinischen Kapelle. An deren Decke finden wir das Motiv "Die Erschaffung des Adam". Mich hat schon früh fasziniert, wie hier Gottvater seinen energiegeladenen Zeigefinger ausstreckt - und einem Lichtbogen gleich - ohne wirkliche Berührung, den geformten Körper des Adam zum Leben erweckt. Wie durch einen Gußkanal schießt bei Michelangelo, über den göttlichen Arm, das Leben in die Form.

Im 1.Stock steht die Figur "Ergün". Hier sind die Versorgungskanäle in Ablösung begriffen. Sie entlassen die Figur in eine Selbstständigkeit. Das Geschöpf "Ergün" erhält ein Eigenleben, übernimmt die eigene Regie in eigener Verantwortung. Aber seine "Schnittstellen" verweisen auf seine Herkunft, sie sind deutlich markiert. Hier sogar vergoldet.

Hätten Ubbo Enningas Plastiken ein eigenes Bewusstsein, so könnten sie feststellen, dass ihre Wurzeln und Gusskanäle über sie hinausverweisen. Sie könnten feststellen, dass sie nicht aus dem Nichts kommen und dass es äußere "Einflüsse" gab, die sie geformt haben.

Der Bildhauer als Schöpfer. Im Bildhaueratelier kann das bestenfalls gelingen, wenn man es schafft, Tag für Tag, selbstvergessen, wie ein Medium, den Schöpfungsakt zu begleiten.

Für Ubbo Enninga spielt der Begriff der "Polaritäten" eine große Rolle. Er spricht auch oft von "Qualitäten".

Das Eine und ...das Andere. Wie aber, soll ich das Andere darstellen, wenn ich nur die Rolle des Einen einnehme ? und womöglich nur Verständnis für das Eine entwickle.

Polaritäten haben die Eigenheit, dass ich immer das Andere mitdenken muss, wenn ich das Eine anspreche. Schwarz - weiß, männlich - weiblich, warm - kalt, hell - dunkel. Wenn ich "innen" sage, muss ich "außen" mitdenken. Enningas Installation im Eingangsbereich trägt den Titel "oben - unten".